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Liebe ist relativ - Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit von Diakon Sebastian Nüßl

Wir werden geradezu von Liebe überschüttet in den Texten des morgigen Sonntags. 19-mal kommt im Johannesevangelium und in der Lesung aus dem 1. Johannesbrief zusammengenommen das Wort „Liebe“ vor. Es gibt ja für uns Christen tatsächlich nichts größeres, denn Gott ist die Liebe. Aber auch bei nicht religiösen Menschen wird die Liebe gerne in den Himmel gehoben. Der Weg der Liebe, so scheint es, führt geradewegs in den Himmel hinein. Gott selbst geht genau den umgekehrten Weg. Nicht in himmlische Höhen, sondern herab zur Erde. Sein Weg der Liebe führt zu den Menschen. Er wird Mensch. Nicht abgehoben, nicht von oben herab, nicht mit Absolutheitsanspruch, sondern ganz konkret: Mit dieser Mutter und diesem Vater, mit mehr oder weniger freundlichen Nachbarn im Dorf, mit mehr oder weniger nervigen Arbeitskollegen, in einem bestimmten Volk, mit einer bestimmten Sprache, in einer bestimmten Zeit, in eine bestimmte geschichtliche Situation. In seiner Liebe ist er als Mensch nicht für alle und j
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Predigt zum 4. Ostersonntag/B (25. April 2021) von Pfarrer Franz Reitinger

Liebe Mitchristen! Kennen Sie den sehenswerten Film „Im Winter ein Jahr“? Mich hat dieser hintergründige Film sehr beeindruckt. Das Familiendrama, das der Film beleuchtet, ist schnell erzählt: Eine wohlsituierte Familie - die Mutter Innenarchitektin, der Vater akademischer Buchautor, die Tochter Studentin - findet keine Antwort auf die Frage, warum sich der erwachsene Sohn das Leben genommen hat. Der zurückgezogen lebende Maler Max Hollander, meisterhaft dargestellt durch den Schauspieler Josef Bierbichler, bekommt von den Eltern den Auftrag, die beiden Kinder in trauter Harmonie am Flügel im Wohnzimmer zu porträtieren. Doch der gut bezahlte Auftrag offenbart sehr schnell das komplizierte Beziehungsgeflecht einer Familie, in der jede und jeder auf ganz andere Weise trauert und gleichzeitig seine Trauer verbirgt. Die 22-jährige Tochter Lilli, die mit mäßigem Erfolg Tanz, Gesang, Schauspiel und Literatur studiert, wehrt sich gegen das verklärte Bild des nach außen hin immer erfolgreich

Corona-Gespenster und der Auferstandene - Gedanken von Diakon Sebastian Nüßl

Wir glauben nicht an Gespenster. Und doch bekommen wir eine Gänsehaut, wenn eine gute Gruselgeschichte erzählt wird. Gespenster machen dann doch noch Angst: nicht zu fassen, nicht festzumachen, bereit, allen möglichen Schaden anzurichten. Wir wissen natürlich, dass es die aus den Geschichten nicht gibt. Heute treiben andere „Gespenster“ ihr Unwesen. Auch sie wollen Angst verbreiten, sind schwer zu greifen und zu durchschauen. Hatte so ein Gespenst vor Jahren den Namen „Flüchtlingsflut“ heißen sie heute: „Corona-Diktatur“, „Corona-Zwangsimpfung“, „Corona als Mittel zur Erlangung der Weltherrschaft“. Leer-Denker machen damit Politik. Das Evangelium vom morgigen Sonntag (Lukas, Kapitel 24, die Verse 35 bis 48) hat eine wesentliche Botschaft: Christen glauben nicht an Gespenster. Es geht um den Auferstandenen. Er erscheint seinen Jüngern eben nicht als Gespenst, sondern mit Fleisch und Knochen und dazu fähig, einen Fisch zu essen. Wie wir uns das genau vorstellen können bleibt offen, den

Gedanken zur Osternacht 2021 von Pfarrer Franz Reitinger

Noch einmal entkommen, noch einmal der Pandemie und ihren Folgen entronnen. Manche von uns werden heuer unter diesem Vorzeichen das Osterfest feiern - so weit ein Feiern überhaupt möglich ist.   Noch einmal entkommen, noch einmal der Pandemie und ihren Folgen entronnen? Nicht wenige werden ein großes Fragezeichen setzen ans Ende dieses Satzes, weil es ja mitten in der dritten Welle der Pandemie keineswegs ausgemacht ist, wie sie ausgehen wird, ob und wann wir dann wirklich sagen können, dass wir der Katastrophe gerade noch einmal entkommen sind.   Und es gibt ja schon jetzt mehr als genug Menschen - auch in unserer Pfarrgemeinde, auch in unserer Stadt, die an den Folgen leiden oder durch die Nebenwirkungen des Lockdown massiv beeinträchtigt sind, ganz zu schweigen von denen, die vor der Zeit gestorben sind oder den Tod naher Angehöriger zu beklagen haben.   Doch gibt es nicht auch zu normalen Zeiten - bei uns und anderswo - viel zu viele Menschen, die kein normales Leben führen könne

Georg Trakls Karfreitag - Predigt von Diakon Sebastian Nüßl

Georg Trakl darf man als einen der großen Dichter Österreichs und des ganzen deutschen Sprachraums bezeichnen. Er wurde 1887 in Salzburg geboren und verstarb im Alter von 27 Jahren 1914 an einer Überdosis Morphium. Kurz zuvor leistete er als Militärsanitäter Erste Hilfe bei einer schrecklichen Schlacht, wobei er allein gelassen wurde und völlig überfordert das Sterben vieler verletzter Soldaten in Kauf nehmen musste. Diese Überforderung hat ihn endgültig am Leben verzweifeln lassen. Eines seiner letzten Gedichte mit dem Titel „Nachtlied“ wurde im Nachlass veröffentlicht: Triff mich Schmerz! Die Wunde glüht. Dieser Qual hab` ich nicht acht! Sieh aus meinen Wunden blüht Rätselvoll ein Stern zur Nacht! Triff mich Tod! Ich bin vollbracht. Deutlich bezieht sich Trakl in diesem Gedicht auf den Kreuzweg Jesu, auf Karfreitag. Er spricht von Tod, Wunden, Schmerz und Qual. Vor allem aber zitiert er den Satz Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht“. Georg Trakl tauscht aber Worte aus. Statt „Es“ hei

Aschermittwoch 2021 - das Hungertuch von Günter Reinhardt - Eine Predigt von Pfarrer Franz Reitinger

Lesungen: Genesis 3,1-8; 2. Korintherbrief 5,20-6,2; Matthäus 6,1-6.16-18 Liebe Mitchristen! Ein eigens für unsere Pfarrkirche angefertigtes minimalistisches Kunstwerk von Günter Reinhardt dient uns in dieser Fastenzeit als Hungertuch. Und ich bin ihm dankbar für dieses kraftvolle und gleichzeitig unaufdringliche Werk, in das sich die meisten wohl erst einlesen müssen, weil es unsere bilderflutgewohnten Augen mit etwas Ungewohntem konfrontiert. Das Fasten der Augen, das uns dieses Kunstwerk abverlangt, die Schwarz-Weiß-Malerei aus Buchstaben, mehr oder weniger verständlichen Zeichen und Zahlen wirft uns aber zurück auf etwas Wesentliches. Und ich meine, dass gerade dieses Hungertuch und die Auseinandersetzung damit zu einer hilfreichen Therapie für unseren Glauben werden könnten. Wie unser Alltag, der zum Schutz vor der Pandemie immer noch auf Weniges reduziert ist, reduziert der Künstler mit seinen Schriftzeichen auch unseren Blick auf die Glaubensinhalte. Nicht um sie zu verwässern o

Gedanken zum "Hungertuch" und zum ersten Fastensonntag von Diakon Sebastian Nüßl

Wer zur Zeit in die Kirche St. Martin kommt, dem fällt es sofort auf: Nicht das Altarbild des Hochaltars ist vorne zu sehen, sondern eine vier Meter hohe und zwei Meter breite Papierbahn bemalt mit vielen kleinen und großen Zeichen. Günter Reinhardt, Bildhauer und Grafiker aus Neuhausen, hat dieses Kunstwerk exklusiv für die Pfarrei geschaffen. Es wird die Kirchenbesucher durch die Fastenzeit 2021 begleiten. Das bestimmende Thema dieses Fastentuches mit dem Titel „Verant-wort-ung“ sind Zeichen und Worte. So fällt auf den ersten Blick auf, dass die Entwicklung menschlicher Schriftzeichen von oben nach unten dargestellt wird. Das beginnt mit Symbolen aus Felsenmalereien wie Fisch, Stierkopf und Welle, geht über die Entwicklung von Buchstaben bis zur digitalisierten Schrift, die nur noch aus 1 und 0 besteht. Günter Reinhardt ging es aber um mehr. Das zeigt er, indem er den Begriff „Wort“ an zentraler Stelle auf die Papierbahn gemalt hat. Das Wort aber ist die Grundlage des Mensch-Seins. W