Direkt zum Hauptbereich

Kann Kirche im Januar 2022 noch Heimat sein? Predigt zum 4. Sonntag i. J.

Um die Kirche steht es schlecht. So viele Unklarheiten, so viele patriarchale Strukturen, Missbrauch, Vertuschung, unguter Umgang mit Homosexualität und anderes mehr. Nicht wenige haben das Gefühl, die Kirche, die ihnen Heimat war, bricht aus ihrem Leben weg. Heimat zu verlieren aber ist schmerzhaft. 

Auch Jesus ist im Evangelium vom heutigen Sonntag dabei, seine Heimat zu verlieren. Nicht nur wird kein Prophet in seiner Heimat anerkannt, wie er im heutigen Evangelium sagt. Noch dazu provoziert Jesus die Menschen seiner Heimat. Denn er weist auf Ereignisse hin, bei denen sich Gott nicht als Gott der Juden erwiesen hat, sondern als Gott von Fremden - beispielsweise eines Syrers. Der wurde vom Aussatz geheilt, nicht die Kranken Israels. Provokationen, die die Menschen seiner Heimat verärgern und fast zur Lynchung Jesu führen. Doch der schreitet mitten durch die Menschenmenge und geht weg, wie in dieser Stelle aus dem Lukasevangelium zu lesen ist. Die Provokation Jesu ist die Aussage: Gott ist nicht exklusiv der Gott Israels. Der Gott Israels ist genauso der Gott der Fremden. Damit stellt er das Heimatbewusstsein vieler seiner Landsleute in Frage: Mein Land, mein Gott, meine Heimat.

Doch Jesus war kein heimatloser Geselle. Für ihn waren es aber Menschen, die Heimat bedeuteten: seine Mutter Maria, der Zwölferkreis mit ihren Familien, seine Jünger. Und in allem natürlich der himmlische Vater aller Menschen. Heimat sind für ihn Menschen und die Beziehungen zwischen Menschen und keine Orte. “Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ Jesus nimmt keinen Ort in Beschlag - im realen wie im übertragenen Sinn. Heimat kann man daher auch nicht besitzen, so wie man Gott nicht besitzen kann. Exklusivrechte auf Heimat erheben Faschisten, nicht Christen.  

Was also zerstören die kirchlichen Skandale im Moment, wenn sie Heimat zerstören:
- sie zerstören, wenn die Amtsträger nicht umsteuern, das Wichtigste: das Vertrauen in Beziehungen innerhalb kirchlicher Strukturen.
- sie zerstören aber auch einen falschen Begriff von Kirche, der ruhig zerstört werden darf: Kirche als feste Burg, als Haus voll Glorie. Kirche ist kein solcher Ort und war es dort, wo sie lebendig war, nie. Kirche war vielmehr immer das Volk der Menschen, das tastend seinen Weg sucht und Heimat im Miteinander von Menschen und Menschen und Gott findet. 

Wir suchen - letzten Endes vergeblich - auch in der Familie, im Freundeskreis, in Beziehungen einen sicheren Ort. Wir suchen Heimat im festen Sinn. Und es tut weh, wenn wir merken, wie zerbrechlich diese Orte sind. Es tut weh, wenn wir merken, dass wir sie nicht besitzen können. Wenn Kinder sich abwenden, Beziehungen zerbrechen, uns Freunde nicht mehr verstehen. Uns bleibt auch hier nur: sich gemeinsam auf den Weg machen - auch wenn die Wege unbekannt, rätselhaft und fremd sind. Heimat werden wir wirklich nur in Bewegung und Begegnung finden. Vielleicht kann die Kirche jetzt ein besserer Partner auf diesem Weg sein, wo doch ihre letzten Mauern zerbröseln.

Diakon Sebastian Nüßl

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Menschenfischer - nicht Menschenfänger - Gedanken zum 3. Sonntag im Jahreskreis B von Diakon Sebastian Nüßl

Jesus beruft zunächst Fischer zu seinen Jüngern. Im morgigen Evangelium gibt er ihnen den Auftrag, Menschen zu fischen. Kaum eine Stelle der Evangelien wird derartig falsch ausgelegt wie diese. Als Beispiel möchte ich nur die Netze nennen, die zur Erstkommunionszeit in manchen Kirchen hängen mit Bildern der Erstkommunionkinder als Fische im Netz. Da fragt man unwillkürlich: Sollen die jetzt geschlachtet werden? Schreckliches Bild. So ist das Bild vom Menschenfischer natürlich nicht gemeint. Sonst hätte Jesus seine Jünger aufgefordert, Menschen zu fangen. Es geht ihm aber um etwas völlig anderes, nämlich um die Eigenschaften eines - guten - Fischers. Die passen offensichtlich auch zu seinen Jüngern.  Jesus hat genau hingeschaut bei seinen Wanderungen entlang des Sees von Galiläa. Er hat sich mit Fischern unterhalten und ihre Arbeit kennen gelernt. Vielleicht sind ihm die Besonderheiten dieses Berufes besonders deutlich geworden, indem er sie mit seinem eigenen Beruf und dem seines V...

Gedanken zum Pfingstfest von Pfarrer Franz Reitinger

Fenster zur Firmung/Pfarrkirche St. Martin Was wäre Ostern ohne Pfingsten? Was wären die Auferstehung Jesu und seine nachösterlichen Begegnungen mit seinen Freunden von damals ohne ihre pfingstliche Erfahrung, von Gottes Geist erfüllt, von Gottes Geist ermutigt und geführt zu sein? Ostern ohne Pfingsten - dieses außerordentliche Ereignis der Weltgeschichte wäre wohl eine Randnotiz in den Geschichtsbüchern geblieben, eine Frage für kluge philosophische und theologische Diskussionen, die von großem Interesse ist, dann aber auch wieder ad acta gelegt wird, weil sich allein mit Mitteln der Vernunft nicht eindeutig klären lässt, ob es überhaupt möglich ist, dass jemand aus dem Tod ins Leben zurückkehrt oder gar aufersteht in ein ganz anderes Leben jenseits der Kategorien von Raum und Zeit. Ostern ohne Pfingsten - dieses unglaublich klingende Gerücht einer Auferstehung wäre irgendwo stecken geblieben im Kriegslärm, zwischen den zahlreichen Katastrophen, die diesen Planeten gezeichnet haben...

Das Wunder Mitleid - zum 18. Sonntag im Jahreskreis A - Diakon Sebastian Nüßl

Für sein Mitleid bekannt war St. Martin, der Namenspatron unserer Kirche. Martin sah einen frierenden Bettler und teilte seinen Mantel mit ihm. (Fensterausschnitt St. Martin) Die Anthropologin Margaret Mead (1901-1978) wurde einmal gefragt, wann die menschliche Zivilisation begann - wann also der Mensch wirklich zum Menschen wurde. Ihre Antwort klingt auf den ersten Blick verblüffend: Mit dem ersten nach einem Bruch wieder zusammengeheilten Oberschenkelknochen. Die Begründung liegt aber auf der Hand: wenn ein so wichtiger Knochen brach, bedeutete das den Tod. Die Zeit für die Heilung war nicht da. Die Nahrungssuche wurde unmöglich. Raubtiere lauerten. Wenn aber Heilung möglich war, gab es jemand, der den Kranken beschützt hat, der seine Wunde gepflegt hat, der ihm Nahrung brachte. Da war jemand, der hatte Mitleid. Mit Mitleid also beginnt das Mensch-Sein. Wenn man von Jesus eines sagen kann, dann: Er hatte Mitleid. Im Evangelium von morgigen Sonntag lesen wir das wörtlich. Diese...