Direkt zum Hauptbereich

Predigt zur Christmette von Pfarrer Franz Reitinger

Liebe Schwestern und Brüder, liebe weihnachtliche Gemeinde!

Engel und Hirten spielen im Weihnachtsevangelium eine tragende Rolle. Engel und Hirten – ein ungleiches Paar mit manchen Gemeinsamkeiten.

Die einen, die Engel, seit ein paar Jahren wieder modern geworden, bleiben uns aufgeklärten Menschen in aller Regel doch ziemlich fremd. Engel müssen zwar dafür herhalten, die Träume von einer anderen Welt ein wenig bunter auszumalen, aber eine ernst zu nehmende Bedeutung haben sie dann auch wieder nicht für die meisten unserer Zeitgenossen.

Und die anderen kennen viele nur noch vom Hörensagen. Hirten gibt es eben nicht mehr allzu viele. So luftig und himmelwärts schwebend man sich gemeinhin einen Engel vorstellt, so erdverbunden scheint umgekehrt ein Hirte zu sein, beheimat in rauer Natur, mit den Tieren auf Du und Du.

Engel und Hirten – ein ungleiches Paar. Engel und Hirten - fast zwei Fremdwörter in einer hochtechnisierten Welt. Doch ohne Engel und Hirten kann man sich das Weihnachtsevangelium des Lukas nicht vorstellen.

Liegt in der Fremdheit dieser Figuren vielleicht sogar ein Grund dafür, dass viele nichts mehr anfangen können mit der Weihnachtsbotschaft? Sind die Rollen des Weihnachtsevangeliums uns zu fremd geworden - so fremd, dass wir nicht mehr hineinschlüpfen wollen? - Ich will es trotzdem versuchen, dafür zu werben. Denn Engel und Hirten – das sind zwei Rollen, die uns zugedacht sind.

An uns liegt es, die Rolle der Engel zu übernehmen und die Botschaft der Menschwerdung Gottes weiterzusagen. An uns liegt es, Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene darauf anzusprechen, was unseren Glauben ausmacht: Gott bleibt uns nicht fern, Gott möchte ankommen, Gott möchte daheim sein bei uns, Gott will von uns aufgenommen werden. Und dafür macht er sich ganz klein. Dafür wird er ein Menschenkind. Dafür bleibt er auch bei uns in der Gestalt des Brotes, das wir in der Eucharistie empfangen dürfen.

Ist das nicht ein Grund zur Freude? Ist das nicht ein Grund, Gott zu preisen, Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit anzupreisen, so wie sonst in der Werbung alles Mögliche angepriesen wird, alle möglichen Artikel, die doch nur ein sehr begrenztes Haltbarkeitsdatum haben?

Dabei hätten wir etwas oder - besser gesagt - jemand anzupreisen, der uns nicht weniger als das ewige Heil bringt. Aber vielleicht schämen wir uns ja auch, in diese Rolle der Weihnachtsengel zu schlüpfen, weil wir nicht überzeugend genug davon reden könnten, was unseren Glauben ausmacht, was unseren Glauben ausmachen könnte, was wir aber auch gar nicht so genau wissen, weil wir selbst noch Zweifelnde und Suchende sind?

Wenn das so ist, dann gibt es in unserem Weihnachtsevangelium noch eine zweite Rolle, die ganz bestimmt zu uns passt: die Rolle der Hirten. Denn diese Rolle ist von unserem Evangelisten so geschrieben worden, dass jeder und jede sich darin wiederfinden kann.

Denn Hirten waren zur Zeit Jesu längst nicht die Frömmsten. Die Hirten waren nicht die Vollkommensten in der Beachtung und nicht die Spitzfindigsten in der Auslegung des göttlichen Gesetzes. Und die Hirten – das sind alles andere als wundersüchtige und leichtgläubige Leute, die nur darauf warten, dass irgendein Engel daherkommt, der ihnen das Blaue vom Himmel erzählt.

Vielleicht tut dieser Realismus ja auch uns ganz gut, dieser nüchterne Realismus, wenn es um das Glaubensgeheimnis von Weihnachten geht. Denn Hirten brauchen zwar eine Weile, bis sie die Engelsbotschaft verdaut haben, doch dann reden sie nicht lange, sondern machen sich auf den Weg, um sich selbst ein Bild davon zu machen, was sie gehört haben.

Hirten – das sind also Menschen, die sich des Glaubens nicht 100 %-ig sicher sind, es sind Menschen wie du und ich, Menschen, die noch auf der Suche sind. Und das Schöne an Weihnachten ist: Gott schickt seine Boten, Gott zeigt sich denen, die noch keine fertige Vorstellung von ihm haben, Gott offenbart sich den Suchenden. Gott kommt denen entgegen, die ohne festgelegtes Gottesbild zu ihm unterwegs sind.

Und deshalb ist das Weihnachtsevangelium unsere Geschichte, unsere Geschichte mit Gott. Gott kommt zu uns – oft überraschend und ganz anders als man es sich vorstellt. Gott kommt zu uns – viel kleiner und unscheinbarer als wir es uns denken würden. Gott kommt zu uns. Doch dann kommt es darauf an, dass wir ihm entgegengehen, dass wir uns aufmachen zu ihm hin, dass wir uns ihm öffnen, dass wir ihm eine Chance geben, in die hintersten und dunkelsten Winkel unserer Seele vorzudringen, ins Chaos unserer ungeklärten Lebensfragen.

Engel und Hirten – ein ungleiches Paar. Doch es sind unsere Rollen im Weihnachtsevangelium. Es sind unsere Rollen in der Liebesgeschichte Gottes mit uns. Spielen wir mit, denn wir haben nichts zu verlieren. Spielen wir mit, denn wir können nur gewinnen: die Weihnachtsfreude der Engel und das fast ungläubige Staunen der Hirten. Amen.

Stadtpfarrer Franz Reitinger, Deggendorf St. Martin

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Menschenfischer - nicht Menschenfänger - Gedanken zum 3. Sonntag im Jahreskreis B von Diakon Sebastian Nüßl

Jesus beruft zunächst Fischer zu seinen Jüngern. Im morgigen Evangelium gibt er ihnen den Auftrag, Menschen zu fischen. Kaum eine Stelle der Evangelien wird derartig falsch ausgelegt wie diese. Als Beispiel möchte ich nur die Netze nennen, die zur Erstkommunionszeit in manchen Kirchen hängen mit Bildern der Erstkommunionkinder als Fische im Netz. Da fragt man unwillkürlich: Sollen die jetzt geschlachtet werden? Schreckliches Bild. So ist das Bild vom Menschenfischer natürlich nicht gemeint. Sonst hätte Jesus seine Jünger aufgefordert, Menschen zu fangen. Es geht ihm aber um etwas völlig anderes, nämlich um die Eigenschaften eines - guten - Fischers. Die passen offensichtlich auch zu seinen Jüngern.  Jesus hat genau hingeschaut bei seinen Wanderungen entlang des Sees von Galiläa. Er hat sich mit Fischern unterhalten und ihre Arbeit kennen gelernt. Vielleicht sind ihm die Besonderheiten dieses Berufes besonders deutlich geworden, indem er sie mit seinem eigenen Beruf und dem seines V...

Auszug aus der Predigt am Faschingssonntag, 27.02.2022 von Stadtpfarrer Franz Reitinger

 Liebe Mitchristen, liebe Schwestern, liebe Brüder, bevor er so richtig begann, ist der Fasching auch heuer wieder von der Bildfläche verschwunden. Hatte die Corona-Pandemie schon vieles unterbunden, war die Lust auf Karneval mit dem Münchner Gutachten um Missbrauch  und Vertuschung schon merklich reduziert, so hat der Krieg, die Aggression Putins gegen die Ukraine die meisten von uns auf einen Tiefpunkt der Faschingslaune geführt. Wie sollten wir uns auch als Narren gebärden, während Raketen und Bomben, Flugzeuge und Panzer wehrlose  Menschen gefährden. Ich sage es deutlich, wenn auch in Reimen. Die Lage in Europa ist seit Donnerstag nur noch zum Weinen. Die Ukraine und sein demokratisch gewählter Präsident ist in höchster  Gefahr. Es steht zu befürchten, dass er nicht das letzte Opfer von Putins menschenverachtender Diktatur war. Ja, meine lieben Mitchristen, ich wäre so gerne auf die Kanzel gegangen, Und hätte so gern mit harmlosen, lustigen Versen Si...

Christi Himmelfahrt und die Männer von Galiläa - Gedanken von Gregor Schuller OSB

Der Auferstandene, Wandteppich in der Pfarrkirche St. Martin Deggendorf, (Foto: Pfr. Franz Reitinger) Einer der schönsten Gesänge des gregorianischen Repertoires ist vielleicht der Introitus „Viri Galilaei“, der Eröffnungsgesang des Hochfestes Christi Himmelfahrt. Unbändige Freude und Staunen ausdrückend und zugleich feingliedrig vertont, beginnt dieser Gesang mit einer Frage: „Ihr Männer aus Galiläa, was wundert ihr euch und schaut zum Himmel empor?“ Diese Frage ist aus der Apostelgeschichte entnommen und hat ihre volle Berechtigung. Vierzig Tage hindurch ist Jesus seinen Jüngern erschienen. Das heißt, er hat sich ihnen immer wieder gezeigt, besonders dann, wenn sie miteinander gebetet und das Brot gebrochen hatten. Er war ihnen nahe. Am vierzigsten Tag schließlich wird er vor ihren Augen zum Himmel emporgehoben. Das bedeutet, dass er ihren Blicken entschwindet und sie augenscheinlich verlässt. Jesus kehrt heim zum Vater, von dem er gekommen war, zurück zu dem, der ihn als Mensche...