Direkt zum Hauptbereich

Predigt am Weihnachtstag von Pfarrer Franz Reitinger

Liebe weihnachtliche Gemeinde, liebe Mitchristen!

Da geht jemand ein Licht auf“ – Lichterketten – „das Licht der Welt erblicken“ – das Friedenslicht aus Betlehem – „Am Tannenbaum die Lichter brennen“... Unsere Sprache ist voll von bildhaften Ausdrucksweisen, die das Stichwort „Licht“ auf-greifen. Und in der Weihnachtszeit häuft sich diese Sehnsucht nach dem Licht – so sehr, dass viele es gar nicht erwarten können und bereits im Spätherbst mit dem weihnachtlichen Lichtzauber beginnen. Manche, die Zeit haben und es sich leisten können, wandern gleich aus und verbringen den Winter in wärmeren und helleren Gefilden. Und es ist ja kein Zufall, dass unser Durst nach Licht in der kalten und dunklen Jahreszeit nicht mehr zu bremsen ist. Wir sind zwar keine Pflanzen, die ohne Licht ihre Lebensvollzüge soweit zurückfahren, dass man meinen könnte, sie seien abgestorben, aber Licht und Leben gehören auch für uns Menschen ganz eng zusammen.

Da ist es kein Zufall, dass man die Geburtstagsfeier Jesu bereits 300 Jahre nach seiner Geburt in die lichtarme Zeit des Winters verlegt hat. Denn er, so waren Christen von Anfang an überzeugt, ist das Liebeswort Gottes, er ist die Liebeserklärung Gottes an eine oft kalt und dunkel anmutende Welt, an eine Welt, in der der Mensch sich viel zu oft als ungeborgen und unbehaust erfährt.

In ihm war das Leben“, so singt das Johannesevangelium sein Weihnachtslied. „In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis...“ Bei solchen Worten wird es sogar einem kühlen Denker warm ums Herz – einem kühlen Denker, wie es der Verfasser des vierten Evangeliums gewesen sein muss.

Doch dieses Lied ist nicht nur in Dur geschrieben, es enthält auch die traurig, fast schwermütigen Töne in Moll: „Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst... Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt... aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

Wäre der Verfasser dieses Hymnus bei dieser Feststellung stehen geblieben, er hätte seine Komposition in den Abfalleimer werfen können. Denn dieses Lied kennt man zur Genüge. Man braucht nur die Zeitung aufschlagen oder in einem Geschichtsbuch zu blättern. Gescheiterte Idealisten und verkannte Propheten gab und gibt es mehr als genug. Siegt am Ende doch die Finsternis über die kurzzeitig aufflammenden Lichter der Hoffnung? Verschwindet am Ende dann doch alles im Nebel des Vergessens?

Das Johannesevangelium hat sein Weihnachtslied anders komponiert. Da werden die trostlos klingenden Moll-Töne dann doch noch einmal übertroffen von der lichtvollen Melodie der Ankunft Gottes in seiner oft dunklen Welt. Und dieser eine Moment in der Geschichte, meint das gesamte Neue Testament, ist nicht ein einsamer Lichtpunkt geblieben, er leuchtet vielmehr die gesamte Geschichte der Welt und der Menschen aus. Weihnachten ist die bleibende Lichtquelle, weil die in Jesus Christus offenkundige Zuwendung Gottes zu uns Menschen Bestand hat. Das weihnachtliche Licht aus der Geburtskirche in Betlehem bezieht sozusagen seine Energie aus der Grabeskirche in Jerusalem, weil dort die Nacht des Todes ein für alle Mal besiegt wurde mit Gottes neuer Lebenszusage, mit der Auferweckung seines Sohnes aus der Nacht des Todes. Deshalb kann das Johannesevangelium sein Weihnachtslied gipfeln lassen in dem Satz: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“

Sehen wir dieses Licht? Spüren wir dieses Licht der Weihnacht? Sind die Augen unseres Herzens schon erleuchtet oder tappen wir noch im Dunkeln? Sind wir noch blind für das Licht, das mit Jesus Christus in diese Welt gekommen ist, das auch unser Leben in das Licht seiner Gnade stellt, oder sind wir schon zu ganz und gar weihnachtlichen Menschen geworden, zu Menschen, die kaum mehr ein Dunkel dieser Welt abbringen kann von der tiefen Überzeugung, dass Gottes Menschwerdung in Jesus Christus uns schon erlöst hat aus den machtvollen Armen der Finsternis und des Todes.

Ich wünsche uns an diesem Weihnachtstag und in dieser ganzen Weihnachtszeit die ein oder andere weihnachtliche Stunde, in der wir eine Kerze oder die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung in unserer Wohnung anzünden und dem weihnachtlichen Licht der Menschwerdung Gottes nachsinnen. Ihm, dem Licht der Welt, können wir auch alles Dunkel anvertrauen, das uns belastet, alles Dunkel an Sorgen und Ängsten, an Zweifeln und Schuld. Und wenn wir über das Licht seiner Menschwerdung nachsinnen, dann werden wir immer wieder auch die Erfahrung machen können, dass er uns hilft, alles Dunkel auszuhalten und es zu überwinden.

Ich wünsche Ihnen allen das Licht, den Frieden und den Segen der Weihnacht. Ein Licht, das wir in diesem zweiten Corona-Winter vielleicht dringender brauchen denn je.

Stadtpfarrer Franz Reitinger, Deggendorf St. Martin

 

 

 


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vom Werden - zum 15. Sonntag im Jahreskreis A - Kaplan Pater Gregor Schuller OSB

Detail Deckengemälde (Abteikirche Metten), Foto: P. Thomas Winter OSB „Bleib so wie du bist!“ – Das ist ein Wunsch, den man anlässlich von Geburtstagen oft zu hören bekommt. Aber geht das überhaupt, ist das sinnvoll? Würde das nicht auf Dauer Stillstand bedeuten? Seit wann bin ich eigentlich so wie ich bin? Wie bin ich so geworden? Wer hat dabei mitgewirkt, positiv wie vielleicht auch negativ? Will ich so bleiben? Kann ich so bleiben? Menschliches Leben bedeutet sicher ständige Veränderung. Keiner kann einfach Stillstand verordnen. Tut das doch jemand, dann hängt er sich nur selber ab und verliert den Anschluss. Er wird letztlich allein zurückbleiben. Deutlich wird diese Tatsache im beständigen Werden und Vergehen der Natur: sie ist ständig im Werden, im Wachsen, in Veränderung und zwar immer auf neue Höhepunkte hin. Die scheinbare Starre des Winters ist nur Vorbereitung auf neues Blühen und Wachsen hin. Von diesem steten werden der Schöpfung spricht auch die zweite Lesung des heutig...

Die "Breaking News" Jesu - zum 7. Sonntag i. J./C - eine Predigt von Diakon Sebastian Nüßl

„Breaking News“ kann man aus dem englischen sehr unspektakulär mit „Eilmeldung“ übersetzen. Denn genau das ist meist damit gemeint. Eilmeldungen, die beispielsweise am unteren Bildrand eines Nachrichtensenders durchlaufen. Eilmeldungen von sehr unterschiedlicher Wichtigkeit: das kann die Ankündigung einer Invasion genauso sein wie die überraschende Änderung eines Börsenkurses. Auf die eine Eilmeldung folgt schon die nächste. Ungerührt wird sie der Nachrichtensprecher kurz darauf etwas ausführlicher verlesen. Selbst Katastrophen werden zur alltäglichen Routine. Ich möchte „Breaking News“ etwas kraftvoller übersetzen mit „Hereinbrechende Neuigkeiten“ und dieses Wort auf Jesus beziehen. Ich meine damit nicht die „breaking news“ im oben genannten Sinn, die es im Leben Jesu auch gegeben hat, etwa seinen Prozess und die Kreuzigung. Ich meine damit vielmehr die hereinbrechenden Neuigkeiten seiner Botschaft. Und da hat das Evangelium von diesem Sonntag einige davon. Denn wem etwas weggenomme...

Gedanken zum 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) von Stadtpfarrer Franz Reitinger

Der Alltag hat uns wieder - seit mindestens einer Woche. Auch in der Kirche ist nach dem Ende der Weihnachtszeit der Alltag wieder eingekehrt, deutlich sichtbar in der liturgischen Farbe „grün“. Nur Krippe und Christbaum begleiten uns noch bis zum Fest der Darstellung des Herrn, besser bekannt unter dem alten Namen „Mariä Lichtmess“. Und zum Alltag passt auch das heutige Evangelium. Es setzt aber gleich zu Beginn einen Hoffnungsakzent, der wie ein Vorzeichen in der Musik oder in der Mathematik all unserem alltäglichen Leben Entscheidendes zu sagen hat. Doch was ist dieses Vorzeichen der Hoffnung über unserem Alltag? Der Evangelist Johannes erzählt von einer Hochzeit, zu der Jesus mit seiner Mutter und seinen Jüngern eingeladen ist. Dabei ist eine Hochzeit natürlich alles andere als Alltag. Doch selbst bei einer Hochzeit kann ein ganz alltäglicher Fehler passieren. In diesem Fall ist es die Peinlichkeit, dass das Braut-paar den Durst seiner Gäste unterschätzt hat. Gerade bei einer orie...