Direkt zum Hauptbereich

"Gegrüßet seist du, Maria" - Gedanken zum 4. Adventsonntag 2021 von Pfarrer Franz Reitinger

 
Maria begegnet Elisabeth - Kirchenfenster in St. Martin

Das heutige Evangelium (Lukas 1,39-45) hat Karriere gemacht“, so könnte man etwas plakativ sagen. Aus einer zunächst ziemlich normalen Begegnung zwischen zwei schwangeren Frauen ist im Lauf der Kirchengeschichte eines der am häufigsten verwendeten Gebete geworden, das „Gegrüßet seist du, Maria“.

Doch was ist schon normal? Und was ist bereits so außergewöhnlich, dass man ganze Bücher darüber verfassen und Bibliotheken damit füllen kann?

Für Maria und Elisabeth war ihre Begegnung zunächst etwas völlig Normales. Für die schwangere Maria war es wohl auch ziemlich selbstverständlich, ihre deutlich ältere Verwandte - vielleicht war sie eine Cousine - zu besuchen und ihr am Ende ihrer Schwangerschaft Beistand zu leisten. Schließlich war Elisabeth in einem ungewöhnlich hohen Alter noch schwanger geworden, was alle erstaunte und manche ihrer Angehörigen vielleicht auch skeptisch fragen ließ, ob das wohl gut ausgeht.

Doch zurück zu Maria und ihrer selbstverständlichen Hilfsbereitschaft: Menschen, die anderen gerne helfen und für sie da sind, nehmen es manchmal gar nicht mehr wahr, dass andere längst nicht so schnell und ohne mit der Wimper zu zucken zur Hilfe bereit sind. Diese selbstverständliche Bereitschaft Marias, sich auf den Weg zu machen, um ihrer Verwandten zu helfen, obwohl sie ja selber schon schwanger ist - das wäre also das erste, was mir auffällt an diesem Evangelium zum 4. Advent.

Und dann geht es tatsächlich um eine äußerst gelungene Begegnung, um eine Begegnung, in der sich mehr als sonst bewegt. Ja, es geht um eine Sternstunde im Leben dieser beiden Frauen, um eine Sternstunde, die sie nie mehr vergessen. Eine Sternstunde, die sich daran festmacht, dass die beiden ungeborenen Kinder, die in den beiden Frauen heranwachsen, aufeinander reagieren, fast könnte man sagen, dass auch sie einander voller Freude begrüßen.

Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib“, hat es im Evangelium geheißen. Und dieses für seine Mutter beglückende Hüpfen wird gleich zweimal erwähnt, weil Elisabeth diese Geste nicht unerwähnt lassen kann, weil sie von diesem Glück erzählen muss. Und ich stelle mir vor, dass dieses Darüber-reden-müssen der Grund dafür war, dass ausgerechnet auch diese Episode aus der Kindheit Jesu und des Täufers es geschafft hat, in eines der ältesten und offiziell anerkannten Evangelien aufgenommen zu werden, in die Evangelien, die wenig aus dieser frühen Zeit zu erzählen wissen.

Maria macht sich also auf den Weg, um ihrer Verwandten zu helfen - etwas in ihren Augen Selbstverständliches, das gar nicht so selbstverständlich ist. Und dann kommt es zu dieser Sternstunde an Begegnung, einer Begegnung, die nicht nur in den beiden Frauen, sondern auch in den beiden noch ungeborenen Kindern eine Welle des Glücks auslöst.

Und wenn der Evangelist diese Geschichte erzählt, dann ist er zutiefst davon überzeugt, dass diese Begebenheit mehr ist als ein Augenblick des Glücks für die damals daran Beteiligten. Alle, die darüber lesen, alle, die davon hören, sind mithineingenommen in die Vorfreude auf die Geburt des Täufers und erst recht in die Vorfreude auf die Geburt Jesu. Da merkt man schon: Jede Begegnung mit Jesus verspricht eine Begegnung der besonderen Art zu werden. Ein Evangelium eben, eine frohe Botschaft auch für uns, weil er auch uns begegnet beim Lesen und Hören des Evangeliums und schließlich auch im Sakrament der Eucharistie.

Das Entscheidende beim Hören oder Lesen dieses Evangeliums aber besteht darin, dass ich mich hineindenke in dieses Evangelium, dass ich mich hineinbegebe in diese zunächst ganz einfache und selbstverständliche Begegnung der beiden Frauen und ihrer Kinder. Und wenn ich mich mithineinnehmen lasse in dieses Geschehen von damals, dann entwickelt sich bei mir auch ein Gespür für das Besondere, für das Sternstundenhafte dieser Begegnung. Und ich spreche ganz unwillkürlich mit bei diesem Gespräch zwischen Maria und Elisabeth, bei dem die beiden sich freundlich, herzlich, innig, liebevoll begrüßen.

Und ich staune darüber, was Elisabeth sagt, wie sie ihre Gefühle ausdrückt, wie sie es ins Wort bringt, was der Heilige Geist ihr in diesem Moment eingibt: Du bist gesegnet unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Ganz besonders gesegnet bist du, mehr als alle anderen Frauen. Und wie reich gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn und Gottes zu mir kommt?

Und wenn ich diese Begegnung der beiden Frauen und ihr Gespräch miteinander ganz genau betrachte, wenn ich mich ganz mithineingenommen empfinde in diese Begegnung, dann spreche ich die Worte Elisabeths nach, ich lausche ihrem Klang, ich wiederhole sie, um darüber nachzusinnen und mir diese Worte vielleicht sogar einzuprägen.

Genau so, liebe Mitchristen, als Betrachtung dieses Evangeliums ist der erste Teil des „Gegrüßet seist du, Maria“ entstanden. Und ich wünsche uns, ich wünsche Ihnen beim Nachsprechen dieses Gebetes einen Hauch der Freude und des Glücks, das Maria und Elisabeth in dieser Situation empfunden haben. Ich wünsche uns die frohe Gestimmtheit aller Glaubenden, die dieses Evangelium lange und intensiv betrachtet haben. Ich wünsche Ihnen die Freude, das Gebet des „Gegrüßet seist du, Maria“ neu zu erfinden, es für sich neu zu entdecken, vielleicht nach neuen Worten zu suchen und dann doch zur altgewohnten Gebetsformel zurückzukehren, wenn man erst einmal herausgefunden hat, dass benedeien, lateinisch bene-dicere, nichts anderes heißt als etwas Gutes zu sagen, als loben und preisen und damit auch segnen, weil man beim Segnen ja auch dem andern, der anderen etwas ganz und gar Gutes zusagt.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.“ Das klingt doch nicht viel anders und vor allem bedeutet es nichts anderes als die Worte der Begrüßung Marias durch Elisabeth, wenn diese, erfüllt von Heiligem Geist, sagt: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“

Das heutige Evangelium hat Karriere gemacht“ In der Tat! Ob wir wohl auch dazu beitragen, dass das daraus entstandene Gebet auch weiterhin mit der darin enthaltenen Freude über Gottes große Taten gebetet und an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Ich wünsche uns allen eine große adventliche Lust, diese Sternstunde der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth, diese Sternstunde der Begegnung Gottes mit der Menschheit weiterzuerzählen und weiterzubeten.

Stadtpfarrer Franz Reitinger, Deggendorf St. Martin

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Auszug aus der Predigt am Faschingssonntag, 27.02.2022 von Stadtpfarrer Franz Reitinger

 Liebe Mitchristen, liebe Schwestern, liebe Brüder, bevor er so richtig begann, ist der Fasching auch heuer wieder von der Bildfläche verschwunden. Hatte die Corona-Pandemie schon vieles unterbunden, war die Lust auf Karneval mit dem Münchner Gutachten um Missbrauch  und Vertuschung schon merklich reduziert, so hat der Krieg, die Aggression Putins gegen die Ukraine die meisten von uns auf einen Tiefpunkt der Faschingslaune geführt. Wie sollten wir uns auch als Narren gebärden, während Raketen und Bomben, Flugzeuge und Panzer wehrlose  Menschen gefährden. Ich sage es deutlich, wenn auch in Reimen. Die Lage in Europa ist seit Donnerstag nur noch zum Weinen. Die Ukraine und sein demokratisch gewählter Präsident ist in höchster  Gefahr. Es steht zu befürchten, dass er nicht das letzte Opfer von Putins menschenverachtender Diktatur war. Ja, meine lieben Mitchristen, ich wäre so gerne auf die Kanzel gegangen, Und hätte so gern mit harmlosen, lustigen Versen Si...

Kann Kirche im Januar 2022 noch Heimat sein? Predigt zum 4. Sonntag i. J.

Um die Kirche steht es schlecht. So viele Unklarheiten, so viele patriarchale Strukturen, Missbrauch, Vertuschung, unguter Umgang mit Homosexualität und anderes mehr. Nicht wenige haben das Gefühl, die Kirche, die ihnen Heimat war, bricht aus ihrem Leben weg. Heimat zu verlieren aber ist schmerzhaft.  Auch Jesus ist im Evangelium vom heutigen Sonntag dabei, seine Heimat zu verlieren. Nicht nur wird kein Prophet in seiner Heimat anerkannt, wie er im heutigen Evangelium sagt. Noch dazu provoziert Jesus die Menschen seiner Heimat. Denn er weist auf Ereignisse hin, bei denen sich Gott nicht als Gott der Juden erwiesen hat, sondern als Gott von Fremden - beispielsweise eines Syrers. Der wurde vom Aussatz geheilt, nicht die Kranken Israels. Provokationen, die die Menschen seiner Heimat verärgern und fast zur Lynchung Jesu führen. Doch der schreitet mitten durch die Menschenmenge und geht weg, wie in dieser Stelle aus dem Lukasevangelium zu lesen ist. Die Provokation Jesu ist die Aussage...

Corona-Gespenster und der Auferstandene - Gedanken von Diakon Sebastian Nüßl

Wir glauben nicht an Gespenster. Und doch bekommen wir eine Gänsehaut, wenn eine gute Gruselgeschichte erzählt wird. Gespenster machen dann doch noch Angst: nicht zu fassen, nicht festzumachen, bereit, allen möglichen Schaden anzurichten. Wir wissen natürlich, dass es die aus den Geschichten nicht gibt. Heute treiben andere „Gespenster“ ihr Unwesen. Auch sie wollen Angst verbreiten, sind schwer zu greifen und zu durchschauen. Hatte so ein Gespenst vor Jahren den Namen „Flüchtlingsflut“ heißen sie heute: „Corona-Diktatur“, „Corona-Zwangsimpfung“, „Corona als Mittel zur Erlangung der Weltherrschaft“. Leer-Denker machen damit Politik. Das Evangelium vom morgigen Sonntag (Lukas, Kapitel 24, die Verse 35 bis 48) hat eine wesentliche Botschaft: Christen glauben nicht an Gespenster. Es geht um den Auferstandenen. Er erscheint seinen Jüngern eben nicht als Gespenst, sondern mit Fleisch und Knochen und dazu fähig, einen Fisch zu essen. Wie wir uns das genau vorstellen können bleibt offen, den...