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Gedanken zum Neujahrstag 2022 von Stadtpfarrer Franz Reitinger

Eine Woche lang, bis zum 7. Tag nach dem Weihnachtstag und bis zum 7. Tag nach dem Ostersonntag wiederholen die liturgischen Texte an Weihnachten und an Ostern das charakteristische „heute“: „Heute ist Christus geboren“; „heute ist er von den Toten auferstanden.“ Damit bildet die Weihnachtsoktav, damit bilden die acht Tage vom 25. Dezember bis zum 1. Januar den Kern der Weihnachtszeit. Und das heißt: Wer nicht vor Weihnachten, in der Adventszeit, schon ständig Weihnachten vorweggenommen hat, der hat jetzt reichlich Gelegenheit, sich in das faszinierende Geheimnis der Menschwerdung Gottes hinein zu feiern, ohne sich zu langweilen 

Ja, die betrachtende und staunende Versenkung in das Wunder der Geburt des Gottessohnes ist sogar notwendig, um nicht am Vordergründigen und Nebensächlichen hängen zu bleiben, das einem leicht suggerieren kann, Weihnachten sei nicht mehr als ein bisschen Romantik und Nostalgie. Doch der genaue Betrachter findet immer wieder neue Details in den Weihnachtsevangelien, in den verschiedenen Krippendarstellungen oder auch in der Zusammenstellung der verschiedenen Festtage, die ja nicht eine geschichtliche Abfolge wiedergeben wollen, sondern auf innere Zusammenhänge hinweisen. So ist es durchaus interessant, dass wir den Beginn eines neuen Jahres genau am Oktavtag von Weihnachten feiern, also am 8. Weihnachtstag. Der Jahreswechsel ist also eingebettet in das Geschehen der Zeitenwende, die wir von Weihnachten an eine Woche lang feiern, als ob es ein einziger Tag wäre.

Vor dem Jahreswechsel brauchen gläubige Christen deshalb keine Angst zu haben, weil sich seit der Geburt des Messias schon alles zum Guten gewendet hat, weil jede Zeit und jede menschliche Geschichte schon zur Heilsgeschichte geworden ist, seit Jesus Christus in diese dunkle und oft unversöhnte Welt sein Licht und seine Liebe gebracht hat. Und das gilt ungeschmälert sogar in den Zeiten einer Pandemie, wie wir sie momentan erleben. Vor dem neuen Jahr brauchen gläubige Christen keine Angst zu haben, weil sich seit der Geburt des Messias schon alles zum Guten gewendet hat. Freilich ist das kein Freibrief, sich unvernünftig und unverantwortlich zu verhalten. Aber die Botschaft der Erlösung durch Jesus Christus im Ohr, können wir gelassener und ohne Panik dieses neue Jahr beginnen, das uns sicher auch vor etliche Herausforderungen stellen wird.

Außerdem gibt es drei Kleinigkeiten im heutigen Evangelium (Lukas 2,16-21), die uns etwas Wichtiges über unseren Umgang mit der Zeit sagen können, über die zurückliegende Zeit des alten und über die vor uns liegende Zeit des neuen Jahres.

Denn gefragt ist die Wachsamkeit der von vielen gering geachteten Hirten. Ihre Hellhörigkeit und ihre Weisheit hat sie zur rechten Zeit aufbrechen lassen, um in der armseligen Geburt eines Kindes in einem verlassenen Stall das bahnbrechende Ereignis der Menschwerdung Gottes zu erkennen. Alle, die es hörten, was die Hirten über das Kind zu sagen wussten, so heißt es im Evangelium, „staunten über die Worte der Hirten“. Waren auch wir im vergangenen Jahr so wachsam und so hellhörig wie die Hirten, dass wir die Bedeutung von unscheinbar erscheinenden Ereignissen richtig eingeschätzt und dem Ruf der Engel, der Boten Gottes, auch da vertraut haben, wo dieser leise Hinweis nicht überall zu lesen und zu hören war? Und was können wir tun, um der oftmals verkannten Weisheit der Hirten in uns und in anderen mehr Gehör zu schenken, damit wir im neuen Jahr das wirklich Wesentliche nicht übersehen und nicht überhören?

Von Maria erzählt das heutige Evangelium, dass sie alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Ist das auch unser Umgang mit all dem, was wir erleben? Oder nehmen wir uns viel zu selten die Zeit, noch einmal nachzudenken über die Erlebnisse eines Tages, einer Woche, eines Jahres? Wer nur darauf fixiert ist, von einem Highlight zum nächsten zu sprinten, und ständig damit beschäftigt ist, die nächsten Events in der Zukunft zu planen, der wird irgendwann das Gefühl haben, das Leben sei vergangen, ohne wirklich etwas erlebt zu haben.

Maria, deren Fest die Kirche am Neujahrstag feiert, ist das Gegenbild des modernen Menschen, weil sie in der Gegenwart lebt und Freude und Leid in gleicher Weise an sich heranlässt. Das Glück der Geburt ihres Sohnes und die Freude über seine Einmaligkeit, die in den Worten der Hirten etwa anklingt, bewahrt sie genauso in ihrem Herzen wie die zahlreichen Enttäuschungen und Leiden, die auf sie zukommen, bis sie zuletzt unter dem Kreuz steht. Von Maria kann man deshalb lernen, intensiver zu leben. Von Maria kann man lernen, wie man als meditierender, als nachdenkender und betender Mensch besser umgehen kann mit den Höhen und Tiefen des Lebens, weil die mit Gott verwobene Vergangenheit die nötige Kraft und den erforderlichen Durchblick schenkt für die Zukunft, die vor einem liegt.

Und dann erwähnt das heutige Evangelium ganz am Schluss, fast nebenbei, dass das Kind, über das im Vorfeld schon so viel gesagt worden ist, acht Tage nach seiner Geburt beschnitten wird und den Namen Jesus bekommt. Und der Name „Jesus“ bedeutet bekanntlich „der Retter“. Acht Tage nach Weihnachten, zum Jahreswechsel werden wir also an Jesu Namen erinnert. Auch wenn wir nicht wissen, was im Neuen Jahr auf uns zukommt, wir dürfen darauf vertrauen, dass Jesu Namen sich auch im Neuen Jahr für uns bewahrheit, dass er für uns zum Retter wird, er, der uns schon längst befreit und gerettet hat aus der Knechtschaft von Sünde und Tod. Da Jesus unser Retter ist, kann es gar nichts Böses geben, dessen Macht größer wäre als seine grenzenlose Liebe. Und in diesem Sinn wünsche ich Euch und Ihnen ein gesegnetes Neues Jahr, das wir in Gelassenheit und voller Gottvertrauen beginnen können, weil wir es weihnachtlich beginnen - in Jesu Namen.

Stadtpfarrer Franz Reitinger, Deggendorf St. Martin

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