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1. Adventsonntag/C: Komm, du Heiland aller Welt, Sohn der Jungfrau mach dich kund - eine Predigt von Pfarrer Franz Reitinger

Liebe Mitchristen!

 "Komm, du Heiland aller Welt, Sohn der Jungfrau mach dich kund." Dieses uralte Lied, ursprünglich vom spätantiken Bischof und Kirchenlehrer Ambrosius von Mailand im 4. Jahrhundert gedichtet, ist das älteste Weihnachtslied der Kirche. Doch das Original lässt sich kaum mehr erkennen durch die verschiedenen Änderungen, die dieser Liedtext durch Weglassungen und Hinzufügungen im Lauf der Zeit erfahren hat. Und dennoch: Es ist ein kraftvolles, urtümliches Lied geblieben. Es soll uns in dieser Adventszeit als Lied des Monats begleiten, auch wenn das gemeinsame Singen wegen der hohen Zahlen der mit dem Corona-Virus Infizierten wieder sehr, sehr schwierig geworden ist. Deshalb die Vorgabe, nur mit Mundschutz und nur zwei Lieder in jedem Gottesdienst miteinander zu singen.

Doch die Melodie und der Text kann uns auch so ins Ohr und ins Herz gehen, selbst wenn wir nur leise oder gar nicht mitsingen. "Komm, du Heiland aller Welt, Sohn der Jungfrau mach dich kund."

Ja, wir spüren in diesen Wochen wieder mehr als sonst, wie sehr wir einen echten Heiland brauchen, einen Retter, einen Erlöser. Und das nicht nur als Anleihe an einen religiösen Sprachgebrauch, der inzwischen in viele andere Lebensbereiche abgewandert ist, wo er eigentlich nichts zu suchen hat.

Sollten wir Christen uns diese religiös aufgeladenen Worte, die ganz eng mit der Advents- und Weihnachtszeit verquickt sind, nicht wieder mehr zurückholen und damit auch den Glauben bekräftigen an einen Heiland, einen Retter und Erlöser?

Denn wer kann uns helfen, zu wem können wir rufen in den Extremsituationen einer schweren Erkrankung oder in der Angst um einen lieben Menschen? Doch nur zu einem, der unsere menschliche Not kennt - zum Sohn der Jungfrau, der ganz Mensch und ganz Gott, seine Menschwerdung nicht dafür genutzt hat, eine irdische Herrschaft zu er-richten, sondern ganz im Gegenteil sich seiner göttlichen Möglichkeiten enthalten hat, um uns seine Solidarität zu zeigen, um in aller Niedrigkeit und Armseligkeit eines unge-schützten Daseins gerade denen am nächsten zu sein, die sich nicht mehr selber helfen können. "Komm, du Heiland aller Welt, Sohn der Jungfrau mach dich kund."

Interessant an diesem Lied ist nicht zuletzt auch die Spannung, die sich mit der ganzen Adventszeit verbindet, die Spannung, dass wir uns auf das Fest der Mensch-werdung Gottes in Jesus Christus vorbereiten und dass wir uns auf die Wiederkunft des Messias ausrichten und einstellen.

"Komm, du Heiland aller Welt, Sohn der Jungfrau mach dich kund." Der Messias Israels und der Heiland der Heidenvölker wird also darum gebeten und geradezu aufgefordert, zu kommen, wiederzukommen in diese noch unheile und erlösungsbedürftige Welt. Und Jesus Christus, der Sohn der Jungfrau Maria, wird auch darum gebeten, sich als Messias zu offenbaren, sich deutlicher als Messias zu erkennen zu geben, alle Zurückhaltung aufzugeben und alles Rätselhafte und Uneindeutige seines Kommens in diese Welt nun fallen zu lassen.

Doch die sehnsuchtsvolle Bitte um das Kommen des Heilands ist nicht alles, was dieses Lied ausmacht. In der zweiten Hälfte der ersten Strophe und dann in der ganzen zweiten und dritten Strophe geht es um das gläubige Staunen über das Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Hier sieht man sehr deutlich, dass der heilige Ambrosius ein Weihnachtslied geschrieben hat: "Darob staune, was da lebt: Also will Gott werden Mensch. Nicht nach eines Menschen Sinn, sondern durch des Geistes Hauch kommt das Wort in unser Fleisch und erblüht aus Mutterschoß. Wie die Sonne sich erhebt und den Weg als Held durcheilt, so erschien er in der Welt, wesenhaft ganz Gott und Mensch."

Hier klingen die theologischen Diskussionen des 4. Jahrhunderts noch durch, in denen der Kirchenlehrer Ambrosius ganz eindeutig Partei ergriffen hat. Sein Bekenntnis, dass Jesus eben nicht nur ein Mensch wie jeder andere war, dass er wahrer Gott und wahrer Mensch ist, beides ganz und beides in keiner Weise abgeschwächt, diese Zumutung für das Denken nicht nur damals, sondern auch heute, wirkt sich aus - auch auf unseren Glauben. Denn nur wenn er Gott ist, kann er uns durch seine Menschwerdung, durch seinen Tod am Kreuz und durch seine Auferstehung erlösen aus der Macht des Todes und von den Folgen unserer Sünden. Wenn er nichts anderes als ein Mensch gewesen wäre, dann wäre er nicht mehr als ein leuchtendes Vorbild für uns. Wir müssten dann selber schauen, wie wir uns den Himmel verdienen, wie wir uns retten und erlösen.

Ist nicht genau das das Problem unserer Zeit und unserer westlichen Zivilisation? Dass wir - aufgeklärt wie wir sind - zunächst einmal davon ausgehen, dass wir selber alles zu erledigen haben, dass Religion nur dafür gut ist, uns göttliche Gebote vorzulegen und uns mit dem Gedanken der Barmherzigkeit Gottes zu besänftigen - im Sinne eines milde lächelnden älteren Herren, der auch 5 gerade sein lässt. Doch dann geraten wir mit all dem an unsere Grenzen, wo wir nicht mehr weiter wissen, wo die Katastrophen uns über den Kopf wachsen und eine Rettung vonnöten wäre, die nicht mehr von uns bewerkstelligt werden kann.

Die christliche Antwort auf dieses Dilemma ist der Glaube an einen mitgehenden, solidarischen Gott, der all unsere Not kennt, der in Jesus Christus in dieses Leid hineingegangen ist und es ein für alle Mal ausgelitten hat - so gründlich, dass wir ganz gelöst darauf vertrauen dürfen, dass wir mit ihm durch jeden Tunnel des Leids und sogar des Todes gehen können, weil wir mit ihm dann auch ins neue Leben gelangen.

Weihnachten und Ostern - all das zusammen klingt an in unserem Adventslied, in dem wir ihn darum bitten, schon deutlicher erfahren zu dürfen, dass er im Kommen ist und damit alles, wirklich alles gut wird. Amen.

 

Pfarrer Franz Reitinger, Deggendorf St. Martin

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