Direkt zum Hauptbereich

Adam, Eva und der Sündenfall

 


Ausschnitt aus dem Fenster "Schöpfung" in der Pfarrkirche St. Martin, Deggendorf

Für den morgigen Sonntag bietet die Leseordnung der katholischen Kirche neben einer eindrucksvollen Lesung aus dem Markusevangelium die Geschichte vom Sündenfall aus dem dritten Kapitel des Buches Genesis an. Es ist wert, sich diesen Text näher anzuschauen. Erzählt wird von dem Augenblick, als Adam und Eva von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen haben und nun Gott begegnen. Eine folgenreiche Begegnung, die mit der Verfluchung der Schlange endet. Die Vertreibung aus dem Paradies folgt, gehört aber nicht mehr zur Sonntagslesung.

Traditionell wird diese Symbolgeschichte für das Schicksal des Menschen unter dem Stichwort „Ungehorsam“ abgehandelt. Adam und Eva haben der Weisung Gottes, von diesem einen Baum nicht zu essen, nicht befolgt. Sie waren ungehorsam. Mangelnder Gehorsam wäre also die Ursünde. Diese Auslegung passt all denen ins Konzept, die kirchlich und außerkirchlich gerne Gehorsam verlangt haben und es immer noch tun. Ich denke, diese Auslegung ist falsch. Das Problem von Adam und Eva ist nicht mangelnder Gehorsam, ihr Problem ist mangelnde Geduld. Denn wenn Gott einen Baum im Reich der Menschen, dem Paradies, pflanzt, dann will er auch, dass die Menschen davon essen. Aber erst wenn die Früchte reif sind beziehungsweise die Menschen für die Früchte reif sind. Adam und Eva aber sind ungeduldig und essen zur Unzeit. Die Ursünde heißt Ungeduld nicht Ungehorsam. Ich stimme Franz Kafka, dem tiefgründigen Erzähler, vollkommen zu, wenn er sagt: Vielleicht gibt es nur eine einzige Sünde: die Ungeduld. Adam - das steht hier übrigens für Mensch und nicht für Mann - und seine Gefährtin waren ungeduldig. Ungeduld bleibt die Ursache der Sünden auch in unserem Leben.

Wenn man die kurze Lesung weiter betrachtet, ist man beeindruckt, wie der Erzähler mit wenigen Worten die Lage der Menschheit charakterisiert. Sie ist geprägt von Entfremdung: der Mann gibt der Frau die Schuld; die Frau der Schlange. Zu den Worten kommen die Zeichen: Adam und Eva bekleiden sich. Sie wollen nicht mehr nackt sein. Bekleidung steht hier für Privatheit und für Distanz. Und sie verstecken sich vor Gott. Auch das ist ein Zeichen der Distanzierung. Der Mensch ist ein Entfremdeter: Entfremdet von der Natur (in Form der Schlange), entfremdet voneinander und entfremdet von Gott. Eine treffende Beschreibung unserer Existenz. Interessant ist, nebenbei gesagt, dass sich die Menschen vor Gott verstecken und nicht umgekehrt. Wir beklagen gern, dass Gott so fern ist, ja, dass er sich geradezu vor uns Menschen versteckt. Vielleicht ist es genau umgekehrt. Wir spüren seine Nähe nicht, weil wir unser Leben ständig vor ihm verstecken.

Die dreifache Entfremdung von Gott, dem Mitmenschen und der Natur scheint unaufhebbar und ist es doch nicht. Denn als Christen glauben wir an den neuen Adam, den neuen Menschen: Jesus Christus. Dieser neue Adam, dieser neue Mensch überwindet die dreifache Entfremdung. Er geht den Weg der Versöhnung. Er versteckt sich vor nichts und niemandem. Erst recht nicht vor Gott. Bei seiner eigentlichen Geburt als neuer Adam ist er nackt und blutüberströmt: bei der Kreuzigung. Die ursprüngliche Nacktheit des Adam ist auf tragische Weise wieder erreicht. Eine deutliche Botschaft ist damit verbunden: die Überwindung der Entfremdung ist kein einfacher Prozess. Im Gegenteil kann er schmerzhaft, ja brutal sein. Aber dieser Weg der Versöhnung ist möglich. Jesus hat ihn uns geöffnet. Ja, wir können! Wir können jeder für sich und alle zusammen Schritte gehen zur dreifachen Versöhnung, nämlich mit der Natur, dem anderen Menschen und Gott. Der Weg ist offen. Lasst ihn uns gemeinsam gehen.

Sebastian Nüßl

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Hoffnung ist das Federding... Gedanken zum Sonntag von Kaplan Pater Gregor Schuller OSB

„Die Hoffnung ist das Federding, das in der Seel sich birgt und Weisen ohne Worte singt und niemals müde wird.“ (Emily Dickinson, 1830–1886). Vielleicht kennen Sie das: Lebensumstände, Situationen, Konstellationen, die ausweglos erscheinen; Bedrängnisse, Ängste, Sorgen, die einem keine Ruhe mehr lassen und den Schlaf rauben; den Wunsch, aus all dem auszubrechen und auszusteigen und neu anzufangen, alles von vorne zu beginnen und zu einem besseren Ende zu führen. All das kann und wird sich im Leben von manchen Menschen in der ein oder anderen Weise und Ausprägung finden. Von einer solchen Erfahrung spricht auch die erste Lesung dieses Sonntags, die aus dem alttestamentlichen Buch Jeremia entnommen ist (Jer 20,10–13). Sie schildert das Grauen, das einer erlebt, von der Anfeindung, dem Hass und dem Neid, das dem Propheten Jeremia von seinem nächsten Umfeld entgegenschlägt. Jeremia muss das erleiden, weil er den Auftrag Gottes erfüllt und dadurch für die Etablierten und die Routinierten un...

Menschenfischer - nicht Menschenfänger - Gedanken zum 3. Sonntag im Jahreskreis B von Diakon Sebastian Nüßl

Jesus beruft zunächst Fischer zu seinen Jüngern. Im morgigen Evangelium gibt er ihnen den Auftrag, Menschen zu fischen. Kaum eine Stelle der Evangelien wird derartig falsch ausgelegt wie diese. Als Beispiel möchte ich nur die Netze nennen, die zur Erstkommunionszeit in manchen Kirchen hängen mit Bildern der Erstkommunionkinder als Fische im Netz. Da fragt man unwillkürlich: Sollen die jetzt geschlachtet werden? Schreckliches Bild. So ist das Bild vom Menschenfischer natürlich nicht gemeint. Sonst hätte Jesus seine Jünger aufgefordert, Menschen zu fangen. Es geht ihm aber um etwas völlig anderes, nämlich um die Eigenschaften eines - guten - Fischers. Die passen offensichtlich auch zu seinen Jüngern.  Jesus hat genau hingeschaut bei seinen Wanderungen entlang des Sees von Galiläa. Er hat sich mit Fischern unterhalten und ihre Arbeit kennen gelernt. Vielleicht sind ihm die Besonderheiten dieses Berufes besonders deutlich geworden, indem er sie mit seinem eigenen Beruf und dem seines V...

Johannes der Täufer - der Heilige des Advent (Diakon Sebastian Nüßl)

  Die Schachinger Kirche (in der Pfarrei St. Martin, Deggendorf) ist Johannes dem Täufer geweiht. Der abgebildete Seitenaltar zeigt unter der Johannesfigur eine Darstellung des abgeschlagenen Kopfes des Täufers. Weihnachten ist nicht mehr weit. Wir sind im Advent. Allerdings verschwindet der Advent im öffentlichen Bewusstsein mehr und mehr hinter Weihnachten und wird zusehends zur Vorweihnachtszeit. Dabei kann der Advent als Zeit des Wartens, der Erwartung und der Sehnsucht gut auch ohne Weihnachten bestehen. Und tatsächlich gab es in der Kirchengeschichte Zeiten, in denen Advent überhaupt nicht mit Weihnachten verbunden war. So wie der Advent hinter Weihnachten zu verschwinden droht, so geht es auch dem großen Heiligen des Advents: Johannes dem Täufer. Was bedeutet er uns heute noch? Der Johannes, der sich selbst so gering achtet, dass er es gar nicht wert sei dem Kommenden die Schuhriemen zu lösen. So jedenfalls lesen wir im morgigen Evangelium. Worin ist er auch heute noch ein ...