Direkt zum Hauptbereich

Liebe ist relativ - Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit von Diakon Sebastian Nüßl

Wir werden geradezu von Liebe überschüttet in den Texten des morgigen Sonntags. 19-mal kommt im Johannesevangelium und in der Lesung aus dem 1. Johannesbrief zusammengenommen das Wort „Liebe“ vor. Es gibt ja für uns Christen tatsächlich nichts größeres, denn Gott ist die Liebe. Aber auch bei nicht religiösen Menschen wird die Liebe gerne in den Himmel gehoben. Der Weg der Liebe, so scheint es, führt geradewegs in den Himmel hinein.

Gott selbst geht genau den umgekehrten Weg. Nicht in himmlische Höhen, sondern herab zur Erde. Sein Weg der Liebe führt zu den Menschen. Er wird Mensch. Nicht abgehoben, nicht von oben herab, nicht mit Absolutheitsanspruch, sondern ganz konkret: Mit dieser Mutter und diesem Vater, mit mehr oder weniger freundlichen Nachbarn im Dorf, mit mehr oder weniger nervigen Arbeitskollegen, in einem bestimmten Volk, mit einer bestimmten Sprache, in einer bestimmten Zeit, in eine bestimmte geschichtliche Situation. In seiner Liebe ist er als Mensch nicht für alle und jeden da, sondern gerade für die, die ihm begegnen und mit denen er geht.

Jesus zeigt uns, wie Liebe unter Menschen nur sein kann, wenn sie wirklich Liebe ist: Relativ! Das heißt genau zu diesen Menschen, in dieser Zeit, an diesem Ort. Das muss niemanden ausschließen. Jesus hat es auch nicht getan. Aber das schärft unseren liebenden Blick. Für diese eine Mutter, meine Mutter - am morgigen Muttertag. Für diese Freunde, Partner, für diesen einen, dem wir da begegnen und der uns eigentlich unsympathisch ist und der doch unsere Liebe braucht. Solidarität mit allen Menschen in Not weltweit ist unser christlicher Auftrag. Er darf aber nicht den Blick trüben auf die Menschen, die ganz konkret unser liebendes Gegenüber sind.

Der Weg Gottes auf Erden, der sich in Jesus zeigt, ist immer ein Weg ins Konkrete, ins Relative. Jesus blickt auf die Menschen, mit denen er zusammen ist und predigt für sie. Er bringt nichts zu Papier, lässt keine Weisheitsbücher schreiben - er spricht zu den Menschen und will sie bewegen. Jesus Botschaft ist von einer überzeugenden Bescheidenheit: hinein in eine bestimmte Zeit, zu bestimmten Menschen, ganz und gar relativ. Wenn wir sehen, mit welchem Absolutheitsanspruch heute manche Bischöfe und Theologen argumentieren, zeigt dies das eigentliche Problem unserer heutigen Kirche. Es ist die Unfähigkeit zur Relativität. Meinungen werden allzu gerne mit einem Absolutheitsanspruch vertreten. Die Unfähigkeit zur Relativität beschränkt sich aber nicht auf die Kirche. Sie vergiftet gerade unser gesamtes gesellschaftliches Leben. Die Coronakrise treibt es auf die Spitze. Da behaupten sogenannte Querdenker in penetranter Borniertheit im Besitz der Wahrheit zu sein. Auf der anderen Seite darf Wissenschaft die Relativität ihrer Erkenntnisse natürlich auch niemals verschleiern.

Wir brauchen den Mut Gottes, uns von jedem Absolutheitsdenken zu verabschieden und die Relativität unseres Lebens und Liebens anzunehmen. Wir brauchen den Mut Gottes zur Bescheidenheit.

Sebastian Nüßl, Diakon

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Hoffnung ist das Federding... Gedanken zum Sonntag von Kaplan Pater Gregor Schuller OSB

„Die Hoffnung ist das Federding, das in der Seel sich birgt und Weisen ohne Worte singt und niemals müde wird.“ (Emily Dickinson, 1830–1886). Vielleicht kennen Sie das: Lebensumstände, Situationen, Konstellationen, die ausweglos erscheinen; Bedrängnisse, Ängste, Sorgen, die einem keine Ruhe mehr lassen und den Schlaf rauben; den Wunsch, aus all dem auszubrechen und auszusteigen und neu anzufangen, alles von vorne zu beginnen und zu einem besseren Ende zu führen. All das kann und wird sich im Leben von manchen Menschen in der ein oder anderen Weise und Ausprägung finden. Von einer solchen Erfahrung spricht auch die erste Lesung dieses Sonntags, die aus dem alttestamentlichen Buch Jeremia entnommen ist (Jer 20,10–13). Sie schildert das Grauen, das einer erlebt, von der Anfeindung, dem Hass und dem Neid, das dem Propheten Jeremia von seinem nächsten Umfeld entgegenschlägt. Jeremia muss das erleiden, weil er den Auftrag Gottes erfüllt und dadurch für die Etablierten und die Routinierten un...

Menschenfischer - nicht Menschenfänger - Gedanken zum 3. Sonntag im Jahreskreis B von Diakon Sebastian Nüßl

Jesus beruft zunächst Fischer zu seinen Jüngern. Im morgigen Evangelium gibt er ihnen den Auftrag, Menschen zu fischen. Kaum eine Stelle der Evangelien wird derartig falsch ausgelegt wie diese. Als Beispiel möchte ich nur die Netze nennen, die zur Erstkommunionszeit in manchen Kirchen hängen mit Bildern der Erstkommunionkinder als Fische im Netz. Da fragt man unwillkürlich: Sollen die jetzt geschlachtet werden? Schreckliches Bild. So ist das Bild vom Menschenfischer natürlich nicht gemeint. Sonst hätte Jesus seine Jünger aufgefordert, Menschen zu fangen. Es geht ihm aber um etwas völlig anderes, nämlich um die Eigenschaften eines - guten - Fischers. Die passen offensichtlich auch zu seinen Jüngern.  Jesus hat genau hingeschaut bei seinen Wanderungen entlang des Sees von Galiläa. Er hat sich mit Fischern unterhalten und ihre Arbeit kennen gelernt. Vielleicht sind ihm die Besonderheiten dieses Berufes besonders deutlich geworden, indem er sie mit seinem eigenen Beruf und dem seines V...

Johannes der Täufer - der Heilige des Advent (Diakon Sebastian Nüßl)

  Die Schachinger Kirche (in der Pfarrei St. Martin, Deggendorf) ist Johannes dem Täufer geweiht. Der abgebildete Seitenaltar zeigt unter der Johannesfigur eine Darstellung des abgeschlagenen Kopfes des Täufers. Weihnachten ist nicht mehr weit. Wir sind im Advent. Allerdings verschwindet der Advent im öffentlichen Bewusstsein mehr und mehr hinter Weihnachten und wird zusehends zur Vorweihnachtszeit. Dabei kann der Advent als Zeit des Wartens, der Erwartung und der Sehnsucht gut auch ohne Weihnachten bestehen. Und tatsächlich gab es in der Kirchengeschichte Zeiten, in denen Advent überhaupt nicht mit Weihnachten verbunden war. So wie der Advent hinter Weihnachten zu verschwinden droht, so geht es auch dem großen Heiligen des Advents: Johannes dem Täufer. Was bedeutet er uns heute noch? Der Johannes, der sich selbst so gering achtet, dass er es gar nicht wert sei dem Kommenden die Schuhriemen zu lösen. So jedenfalls lesen wir im morgigen Evangelium. Worin ist er auch heute noch ein ...