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Von Adlern und Hühner - Gedanken zum Fest Mariä Himmelfahrt - BGR Pfarrer Wolfgang Riedl

Kennen Sie die Geschichte von den Hühnern und dem Adler? Ein Mann fängt einen kleinen, jungen Adler und steckt ihn zu den Hühnern im Hühnerhof. Nach fünf Jahren kommt ein naturkundiger Mann vorbei, sieht den Adler unter den Hühnern und ruft: Ein Adler, ein echter Adler! Der Hühnerhof-Besitzer sagt: „Nein, er ist kein Adler mehr, er ist zum Huhn geworden, auch wenn er drei Meter breite Flügel hat.“ Der Andere: „Nein, er ist ein Adler, er hat das Herz eines Adlers, er will in die Lüfte!“ So geht es hin und her, bis die beiden beschließen, eine Probe zu machen. Der naturkundliche Mann nimmt den Adler, hebt ihn in die Höhe und sagt beschwörend: „Der du ein Adler bist, der du dem Himmel gehörst und nicht dieser Erde, breite deine Schwingen aus und fliege!“ Der Adler saß auf der hochgereckten Faust, blickte sich um, sah die Hühner unten nach Körnern picken und sprang zu ihnen hinunter. „Ich habe Dir gesagt, er ist ein Huhn.“ „Nein, er ist ein Adler, ich versuche es morgen noch einmal!“ Am nächsten Morgen nimmt er den Adler und bringt ihn hinaus, weit weg von den Hühnern, an den Fuß eines hohen Berges. Die Sonne stieg gerade auf. Er hebt den Adler und sagt: „Adler, der du ein Adler bist, du gehörst dem Himmel. Breite deine Schwingen aus und flieg!“ Der Adler blickte umher, zitterte - da ließ ihn der Mann direkt in die Sonne schauen - und plötzlich breitete der Adler seine Flügel aus und erhob sich mit einem Schrei, flog höher und kehrte nie wieder zurück.

Die Menschen sind auch oft wie die Hühner. Sie sind zufrieden mit Essen und Trinken, schauen nur nach unten, picken und scharren auf der Erde, fleißig und emsig - aber sie schauen nicht nach oben. Aber eigentlich ist der Mensch ein Adler! Geboren - nicht um sich klein machen zu lassen. Geboren - nicht um sich in einen goldenen Käfig sperren zu lassen. Der Mensch ist geboren um zu fliegen, er ist zu Höherem berufen. „Der Mensch übersteigt um ein Unendliches den Menschen“ hat Blaise Pascal gesagt. Das wird in der Geschichte vom Adler deutlich. Die Gefahr ist groß, dass wir immer wieder zu den Hühnern hinunter hüpfen, dass wir nur nach unten schauen und Hühnerfutter fressen. Aber - wir sind dafür nicht bestimmt. Eigentlich ist der Mensch ein Adler. Einer, der aufblickt, der nach oben schaut, der mehr sieht, einer der Ideale sieht, einer der zu Höherem berufen ist. Wir brauchen machmal etwas oder jemanden, der uns hilft aufzuschauen, jemanden der uns zum Fliegen animiert, der uns in die Sonne schauen läßt. Wie komme ich heute am Fest Mariä Himmelfahrt auf diese Geschichte von den Hühnern und dem Adler? Weil wir heute aufschauen zu Maria, die in den Himmel aufgenommen wurde und jetzt dort oben thront: „Umgeben von der Sonne, den Mond unter ihren Füßen und einen Kranz von 12 Sternen auf ihnem Haupt.“ Das heutige Fest lädt uns ein, zu ihr aufzuschauen, aber nicht um sie nur zu bewundern. Nein, was an ihr Wirklichkeit geworden ist, das ist auch mein und dein Ziel: Der Himmel, die Vollendung. Jetzt kratzen wir noch hier auf Erden, kleinlich und oft armselig im Getriebe des Alltags - aber schaut auf, schaut auf zu ihr - ihr seid zu Höherem berufen! Wenn wir sie anschauen, dann sehen wir, was an uns - an mir - Wirklichkeit werden wird. Adler seid ihr und keine Hühner! Darum erhebt den Blick, schaut in die Sonne und fliegt.

 

Text: BGR Pfarrer Wolfgang Riedl (ehem. Pfarrer von St. Martin)

Bild: Sebastian Nüßl: Hochaltar der Kirche Mariä Himmelfahrt, Deggendorf (Ausschnitt)

 

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