Direkt zum Hauptbereich

Ostern 2020: Gedanken von Pater Gregor Schuller OSB



Eine Schule für den Osterglauben
Von Kaplan P. Gregor Schuller OSB, Deggendorf St. Martin/Metten

Ist das nicht erstaunlich: in vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens erfahren wir derzeit Einschränkungen. Dennoch funktioniert eines weiterhin uneingeschränkt gut, ja man kann fast den Eindruck gewinnen, dass niemals zuvor darin ein derart hoher Standard erreicht worden ist, nämlich in der Weitergabe von Informationen. Wohl zu keiner Zeit war es möglich, innerhalb von Sekundenbruchteilen Nachrichten an eine Vielzahl von Personen auf der ganzen Welt zu versenden. Niemals zuvor war dies mit so wenig Aufwand und so geringen Kosten verbunden. Zu keiner Zeit waren für jedermann die logistischen und technischen, aber auch die persönlichen Voraussetzungen dazu gegeben. Zudem wäre es noch vor nicht allzu langer Zeit aufgrund der Bildungsvoraussetzungen und der gesellschaftlichen Akzeptanz für viele so nicht möglich gewesen, sich öffentlich zu äußern und dabei auch gehört zu werden. Ja, es ist erstaunlich: trotz aller gegenwärtig sinnvollen und notwendigen Einschränkungen können die meisten Menschen in irgendeiner Form miteinander Kontakt halten und sich weiterhin öffentlich mitteilen.
Wie war das mit den Anhängern Jesu in den Tagen nach der Auferstehung? Auch sie hielten Kontakt. Zwar waren sie zunächst verstört wegen dem, was die erlebt hatten: Der, der von sich sagte, dass er der Retter, der Sohn Gottes sei, der, dem sie geglaubt und gefolgt waren, auf den sie all ihre Hoffnung gesetzt hatten, ist gestorben. Er wurde zum Tod verurteilt und auf die schändlichste aller möglichen Arten am Kreuz getötet. Und doch ist da ein Funke Hoffnung. Bereits drei Tage nach seinem Tod verbreitet sich die unglaubliche Nachricht, dass er auferstanden sei und lebe. Mehr noch: es geht das Gerücht um, dass er sich immer wieder zeigt. Er tritt regelmäßig in die Mitte derer, die sich zum Gebet versammeln und in seinem Namen das Brot brechen – Eucharistie feiern –, wie er es ihnen am Abend vor seinem Tod aufgetragen hat. All das musste auch unter schwierigen Bedingungen geschehen. Öffentliche Zusammenkünfte solcher Art im Namen dieses Jesus waren zur Zeit der Urgemeinde wegen der politischen Sprengkraft seiner Botschaft untersagt.
Und doch tritt Jesus zu seinen Jüngern hinzu. Obwohl sie Angst hatten und die Türen verschlossen halten mussten, kommt Jesus. Vielleicht ist genau das auch unsere Situation: obwohl aus vernünftigen Gründen derzeit noch kein öffentlicher Gottesdienst gefeiert werden kann, tritt der Herr immer dann in unsere Mitte, wenn – und sei es nur ein kleiner Kreis – stellvertretend Eucharistie oder auch eine andere Form von Gottesdienst feiert. Das kann immer und jeden Tag geschehen, das war unsere Situation am zurückliegenden Osterfest.
Die Auferstehungserzählungen aus der Heiligen Schrift sagen uns das deutlich und machen uns Mut. Sie versichern uns, dass der Herr da ist, wann und wo immer wir ihn in Gebet und Gottesdienst suchen und ihm unter uns einen Platz bereiten wollen. Sie zeigen uns, dass es keine Schranken und Barrieren gibt, keine noch so große Entfernung und keine Angst, die Gott aufhalten oder fern halten könnten – außer vielleicht ein verschlossenes und ablehnendes Herz.
Deswegen ergeht gerade in diesen österlichen Tagen die Einladung an uns, die vielfältigen Formen des privaten und persönlichen Gebetes und der Schriftlesung zu nutzen. Probieren wir es doch mit alten und vertrauten Formen wie dem Rosenkranz oder dem stillen verweilen vor dem Tabernakel in den ohnehin geöffneten Kirchen. Versuchen wir es, sobald es wieder möglich ist, mit kleineren Gottesdienstformen wie Maiandacht oder eucharistischer Anbetung. Werden Sie selbst kreativ und entdecken Sie für sich und Ihre Familie Formen, die Ihnen entsprechen und für Sie möglich sind.
Ein solches Bemühen könnte für uns zu einer Schule des Osterglaubens werden: den Glauben trotz Einschränkungen weitersagen, wenn auch anders als bisher gewohnt; nicht resignativ aufhören, sondern frisch und freudig das aus dem Glauben und im Gebet tun, was halt gerade möglich ist; eine Form von Gottesdienst für sich oder in der Familie feiern und dabei sicher sein: Jesus tritt in unsere Mitte. Wir wissen, dass er alle momentanen Hindernisse überwinden kann, wie er unmittelbar nach seiner Auferstehung bewiesen hat.
Wenn das geschieht, wenn wir diesen unseren Osterglauben pflegen, neu erwecken und groß werden lassen, kann das zu einer echten Erneuerung des Glaubens führen. Vor 2000 Jahren verbreitete sich so das Christentum. Jetzt liegt es an uns, diese Botschaft mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln weiterzusagen. Die Schrifttexte dieses Sonntags benennen das deutlich: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen.“ (Apg 2,32). Nutzen wir diese Chance!


Bildunterschrift: Emmaus-Jünger (Benediktinerabtei Metten, Benediktuskapelle)
Foto: P. Thomas Winter OSB

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gedanken zum Pfingstfest von Pfarrer Franz Reitinger

Fenster zur Firmung/Pfarrkirche St. Martin Was wäre Ostern ohne Pfingsten? Was wären die Auferstehung Jesu und seine nachösterlichen Begegnungen mit seinen Freunden von damals ohne ihre pfingstliche Erfahrung, von Gottes Geist erfüllt, von Gottes Geist ermutigt und geführt zu sein? Ostern ohne Pfingsten - dieses außerordentliche Ereignis der Weltgeschichte wäre wohl eine Randnotiz in den Geschichtsbüchern geblieben, eine Frage für kluge philosophische und theologische Diskussionen, die von großem Interesse ist, dann aber auch wieder ad acta gelegt wird, weil sich allein mit Mitteln der Vernunft nicht eindeutig klären lässt, ob es überhaupt möglich ist, dass jemand aus dem Tod ins Leben zurückkehrt oder gar aufersteht in ein ganz anderes Leben jenseits der Kategorien von Raum und Zeit. Ostern ohne Pfingsten - dieses unglaublich klingende Gerücht einer Auferstehung wäre irgendwo stecken geblieben im Kriegslärm, zwischen den zahlreichen Katastrophen, die diesen Planeten gezeichnet haben...

Menschenfischer - nicht Menschenfänger - Gedanken zum 3. Sonntag im Jahreskreis B von Diakon Sebastian Nüßl

Jesus beruft zunächst Fischer zu seinen Jüngern. Im morgigen Evangelium gibt er ihnen den Auftrag, Menschen zu fischen. Kaum eine Stelle der Evangelien wird derartig falsch ausgelegt wie diese. Als Beispiel möchte ich nur die Netze nennen, die zur Erstkommunionszeit in manchen Kirchen hängen mit Bildern der Erstkommunionkinder als Fische im Netz. Da fragt man unwillkürlich: Sollen die jetzt geschlachtet werden? Schreckliches Bild. So ist das Bild vom Menschenfischer natürlich nicht gemeint. Sonst hätte Jesus seine Jünger aufgefordert, Menschen zu fangen. Es geht ihm aber um etwas völlig anderes, nämlich um die Eigenschaften eines - guten - Fischers. Die passen offensichtlich auch zu seinen Jüngern.  Jesus hat genau hingeschaut bei seinen Wanderungen entlang des Sees von Galiläa. Er hat sich mit Fischern unterhalten und ihre Arbeit kennen gelernt. Vielleicht sind ihm die Besonderheiten dieses Berufes besonders deutlich geworden, indem er sie mit seinem eigenen Beruf und dem seines V...

Das Wunder Mitleid - zum 18. Sonntag im Jahreskreis A - Diakon Sebastian Nüßl

Für sein Mitleid bekannt war St. Martin, der Namenspatron unserer Kirche. Martin sah einen frierenden Bettler und teilte seinen Mantel mit ihm. (Fensterausschnitt St. Martin) Die Anthropologin Margaret Mead (1901-1978) wurde einmal gefragt, wann die menschliche Zivilisation begann - wann also der Mensch wirklich zum Menschen wurde. Ihre Antwort klingt auf den ersten Blick verblüffend: Mit dem ersten nach einem Bruch wieder zusammengeheilten Oberschenkelknochen. Die Begründung liegt aber auf der Hand: wenn ein so wichtiger Knochen brach, bedeutete das den Tod. Die Zeit für die Heilung war nicht da. Die Nahrungssuche wurde unmöglich. Raubtiere lauerten. Wenn aber Heilung möglich war, gab es jemand, der den Kranken beschützt hat, der seine Wunde gepflegt hat, der ihm Nahrung brachte. Da war jemand, der hatte Mitleid. Mit Mitleid also beginnt das Mensch-Sein. Wenn man von Jesus eines sagen kann, dann: Er hatte Mitleid. Im Evangelium von morgigen Sonntag lesen wir das wörtlich. Diese...